Serienherbst 2014: Selfie

18:10

Oh boy...wo soll ich anfangen? In meiner Kurzbeschreibung hieß es folgender Maßen:

"[...] eine Sitcom die My Fair Lady adaptiert und vermutlich durchtbar wird, aber hey, Karen Gillan!"
 Und...nja. Konzentrieren wir uns zuerst mal auf mehr Angaben zum Plot. Die Serie dreht sich um Eliza Dooley, eine "typische" Social-Media-verrückte, oberflächliche, doofe Tussi, die plötzlich merkt dass Freunde ja nicht gleich Freunde sind, und sich dann in die Obhut von John Cho's Charakter (wie heißt der nochmal? So sehr blieb mir die Pilotfolge im Gedächtnis...) begibt, damit er sie umkrempelt und eine respektable Person aus ihr macht. Er ist übrigens geeignet dafür, weil er ein unsozialer, unspaßiger, uncooler Workaholic-Nerd ist der wie eure Großeltern jedes Smartphone am liebsten in einem Exorzismus verbrennen würde. Erwartungsgemäß erfüllen die beiden absolut jedes Klischée im Buche, und besonders Eliza und die Selfiekultur werden als Das Große Böse eindeutig an den Pranger gestellt. Ich sehe den Hintergrund und die Absicht, aber ich schiebe die Schimpftirade Erörterung meines Problems damit noch etwas auf. 

Die erste Folge hat mir aus mehreren Gründen nicht unbedingt gefallen; mal abgesehen von den inhaltlichen Schwächen hatte ich mit der Geschwindigkeit ein paar Probleme. Wenn man eine Serie verkauft als eine Geschichte über eine Person, die ihr Leben ändern will, und am Ende einer 20 minütigen Pilotfolge hat sie die Quintessenz bereits begriffen und ist im Grunde schon "ein neuer Mensch" frage ich mich ehrlich: Was kommtn da jetzt noch? Man hätte den kompletten Inhalt der ersten Folge aufbauschen und auf 1,5 Stunden strecken können, dann hätte man einen herrlichen schlechten Kitschfilm im Abendprogramm produziert. Ich sehe ein, dass eine Pilotfolge dazu da ist, möglichst so viel vom Plot zu geben, dass das Publikum mehr davon sehen will, aber irgendwie? Ich meine, Eliza hat ja offenbar schon kapiert, dass ihre Einstellung "falsch" ist, und dass sie was ändern muss. In zwei, drei Folgen hat sies dann total kapiert und umgesetzt, und was soll dann passieren? Idk, Leute, ich weiß echt nicht so richtig was ich davon halten soll.

Jetzt zum nächsten Aufhänger, nämlich mein Problem mit der Message, die hier suggeriert wird. Gleich vorweg, als begeisterte Bloggerin und mäßige Instagram-Nutzerin mit zusätzlichem Pinterest Account fühle ich mich nicht gestört weil ich der Meinung bin, von Eliza repräsentiert zu werden. Ich finde nur diese ganze Debatte um Social Media problematisch. So viele Diskussionen habe ich schon geführt, gerade mit älteren Leuten, anlässlich von Smartphone Nutzung, und eben so viele Artikel habe ich über problematische Selfie-Kultur und Obsession mit Selbstrepräsentation gelesen. Ich verstehe, dass übermäßige Smartphone-Nutzung nicht unbedingt zu befürworten ist - gerade dann, wenn man sich in einer Gruppe Menschen aufhält und alle drei Sekunden einen Blick aufs Handy wirft - zur Sicherheit. Ich mache das selbst oft genug, um ehrlich zu sein, deswegen will ich mich da nicht heraus nehmen. Was ich aber nicht verstehe ist dieses Selfie-Shaming, und die Aufregung darüber, dass ständig alles fotografisch festgehalten werden muss. Wo ist da das Problem, frage ich? Sollte man Menschen nicht gratulieren, wenn sie selbstbewusst genug sind, ihr eigenes Aussehen als positiv und fotografierwürdig zu betrachten? In den Medien und der Werbung bekommen gerade wir Frauen ständig suggeriert, dass wir nicht hübsch genug sind, und Männer uns nicht attraktiv finden wenn wir nicht X Produkt kaufen. Das fängt schon in der Kindheit an: "Trag doch keine Hosen, Melissa, das machen Mädchen nicht." "Du musst deine Haare wachsen lassen, damit du hübsch aussiehst, wie ein Mädchen und nicht wie ein Junge" usw usw. Und da wundert sich die Gesellschaft, dass gerade junge Frauen über deartige Wege Bestätigung suchen. Und seien wir mal ehrlich, wer würde sich denn nicht über random likes bei seinem Selfie freuen? Ist doch ein Ego-Boost, oder nicht? Darüber hinaus möchte ich mal sagen, ich bin total dafür möglichst alles fotografisch festzuhalten. Von wegen "es ruiniert den Moment" - Bullshit. Wir leben in einer Zeit in der wir in der Lage dazu sind, alles zu fotografieren, und jede Erinnerung bildlich festzuhalten, also warum sollten wir davon nicht Gebrauch machen? Ich habe vielleicht eine Hand voll Bildern von meiner Mum aus ihrer Jugendzeit. Meine eigene Jugend füllt bis jetzt drei Fotoalben, die ich meinen Kindern später stolz präsentieren kann - und das sind nur die sorgfältig ausgewählten hübschen Bilder! Nur weil man es fotografiert bedeutet es doch nicht, dass man es nicht auch erlebt. Im Gegenteil; man wertet gerade diesen Moment als so wichtig, dass man ihn festhalten und immer wieder erleben will, und mehr noch, man will andere daran teilhaben lassen. Gerade ich erlebe seit zwei Jahren ganz persönlich wie es ist, wenn alle meine Freunde nicht ein Dorf weiter wohnen, sondern in Deutschland verstreut sind, vom tiefen Süden auf beiden Seiten bis rauf an die See. Gibt es nicht ein Gefühl des Zusammenseins, wenn man Erlebnisse trotzdem teilen kann? Wenn man durch ein Geschäft geht, eine Kette sieht und sich denkt: Die passt genau zu XY? Ich freue mich wenn mich solche Nachrichten und Bilder erreichen - es zeigt mir, dass Menschen an mich denken.
Um das jetzt mal zu einem Ende zu führen, ich hasse dieses übertriebene und gezwungene Festhalten an eine Zeit vor den technischen Möglichkeiten, die wir heute haben. Man sollte immer alles mit Bedacht und Verstand nutzen, aber man sollte es nutzen, denn sich nur ständig darüber aufzuregen bringt nur persönliche schlechte Laune.
(Nur zur Sicherheit, übrigens: Lis, falls du das liest, fühl dich bloß nicht angegriffen weil du noch ein "altes" Handy hast. Peace!)

Hui, rant over, würde ich sagen. Jedenfalls werde ich Selfie wie auch alle anderen Serien mindestens bis zum Mid-Season Finale verfolgen und dann Zwischenbilanz ziehen. Wer weiß vielleicht überrascht sie mich?

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