#Kolumne

10:05

Gestern an der Uni ist mir etwas passiert, worüber ich gerne reden möchte. Dann ist mir aufgefallen, dass mein Blog gar keine Abteilung mehr für sowas hat - hm. Also mache ich eine neue auf, und ziehe sie auch vielleicht durch. Wir werden sehen!

Also, wie die meisten hier ja wissen studiere ich Literaturwissenschaften und Englisch mit Bachelor-Ziel. Wie ebenfalls die meisten wissen bin ich begeisterte Tumblr-Userin und Genießerin (Literarischer) Puns, oder Wortwitze. Da kam mir neulich beim Browsen ein Blog unter, den muss ich euch einfach mal vorstellen: Literary Starbucks. Dieses Meisterwerk eines Blogs wird von drei Studenten betrieben, und die Posts sind fiktionale Szenarien über berühmte Autoren und was diese bei Starbucks bestellen würden. In Anbetracht meiner aktuellen Interessenlage biete ich mal folgendes Bespiel:

"George R.R. Martin goes up to the counter and orders a series of incredibly complicated drinks, each more detailed and layered than the last. The barista works for an hour and finally hands them across the counter to Martin, who promptly throws one of them away with little to no explanation. That coffee had been the barista’s favorite."
                                                                               13. Okt 2014 auf dem Literary Starbucks Tumblr
Ich möchte euch diesen Blog wärmstens ans Herz legen! Aber das ist nicht der eigentliche Grund für diesen Post.

In diesem Semester hatte ich das Glück, für Englisch ein Seminar über den wundervollen Neil Gaiman belegen zu dürfen; ein begabter Autor und inspirierender Mensch, dessen Werke ihr unbedingt lesen solltet. Und wenn nicht solltet ihr wenigstens 20 Minuten aufbringen um euch diese Commencement Speech aus 2012 anzuschauen. Gaiman ist außerdem selbst aktiver Twitter- und Tumblr-User, auch da lohnt sich ein Blick in die Sozialen Medien. Etwas was mir richtig gut gefallen hat war seine Reaktion auf eine Frage vor einigen Tagen:

http://neil-gaiman.tumblr.com/post/100044978576/whats-your-opinion-on-there-being-fake-and-real 
Darüber will ich nicht ins Deatil gehen, denn das ist auch nicht der eigentliche Grund für diesen Post, tangiert ihn aber themenmäßig. Und ich finde dass wir alle - ich eingeschlossen - uns das immer wieder vor Augen führen sollten. Man kann Fan von etwas sein, ohne sein ganzes Leben danach auszurichten, und man kann von etwas begeistert sein, ohne jedes kleine Detail darüber zu wissen.

Anyway, zurück zum Seminar. Während meiner zwei Semester in diesem Fachbereich ist mir eine Sache ziemlich deutlich klar geworden, nämlich das man sich in der Literaturwissenschaft an nichts festhalten kann. Um es wie das Credo der Assassinen zu formulieren; Nichts ist wahr, Alles ist erlaubt. Es gibt keine "Lösung"; keinen Schlüssel zum Text, nur was man selbst darin liest, oder darin lesen möchte.
Wir haben gestern über Roland Barthes Essay Death of the Author gesprochen, und wieder einmal hat das resultiert in langen Diskussionen über Strukturalismus oder Post-Strukturalismus: Die Idee, dass alle Bezeichnungen und Definitionen eben nur das sind, und dass das was ich als Baum bezeichne für dich vielleicht etwas völlig anderes bedeutet. Sehe ich das gleiche Blau wie du? Können wir andere wirklich ganz genau verstehen, oder kennen wir nur ein Bild, was wir uns von der anderen Person erschaffen haben?

In diesem Zusammenhang hat die Dozentin einen Screenshot von einem Post auf Neil Gaimans Blog mitgebracht; genauer gesagt ein Reblog von einem Post auf Literary Starbucks, in dem er der Protagonist ist. Das hat mich auf so vielen Leveln fasziniert und angesprochen. Zum einen ist es natürlich wundervoll, zu sehen, dass berühmte Autoren solche Blogs wertschätzen und dass Neil Gaiman offenbar genug Selbstironie hat, um den humoristischen Post über sich selbst unter seinen Followern verteilen zu wollen.
Die Dozentin brachte den Post mit um das Abstrakt der fiktionalen Person daran genauer zu erläutern - gibt es in diesem ganzen Konstrukt überhaupt einen "realen" Neil Gaiman, oder sind wir hier mit unterschiedlichen konstruierten Versionen konfrontiert? Aber auch da will ich jetzt nicht abschweifen, denn was mich am meisten beeindruckt hat ist die Tatsache, dass wir in einem Universitätskurs sitzen und Tumblr Posts besprechen. In einer Gesellschaft, in der Nerdismus zwar trendy ist, aber im Grunde immer noch größtenteils belächelt wird, habe ich da Privileg, in einer Umgebung zu Lernen, die respektiert, dass dank Internet und Sozialer Platformen die Möglichkeit gegeben ist, dass jeder seine Meinung zu etwas äußern darf, und diese Meinung ist nicht mehr oder weniger wert als eine andere. Tumblr, eine verschriehene Blogging-Seite voller fanatischer Fangirls und -Boys bietet trotzdem eine Platform für akademische Diskussion, und zwar nicht als ein Soziales Experiment oder ein schlechtes Beispiel, sondern einfach als etwas, das existiert und durchaus ernst genommen werden kann.

Ich möchte Tumblr natürlich nicht auf einen Schemel stellen und heilig sprechen - es gibt einen Haufen fragwürdige Inhalte auf dieser Seite. Aber wir sollten vorsichtig sein, wen oder was wir verurteilen. Ich folge unglaublich talentierten Künstlern, die mit Photoshop so gut umgehen können dass es Magie, oder viel mehr physicher Malerei, gleicht. Ich folge mehreren ASOIAF Blogs, die von Menschen geführt werden, die nicht nur jedes kleine Deatil über die Welt und Geschichte von Westeros wissen, sondern auch unglaublich gut im Interpretieren und metatextual reading sind. Die Art von Diskussionen, die dort teilweise geführt wird, ist auf einem Niveau mit Essays über Shakespeares Werke - aber weil es hier nicht um Shakespeare, sondern um "Fantasygedöhns" geht, ist es verwerflich, seine Zeit und Energie darauf zu verwenden.
Ich vermute dass jeder, der hier in seiner Studienlaufbahn in irgend einem Zusammenhang mit einem Literarischen Seminar konfrontiert wurde die Frage gestellt bekommen hat: Was ist Literatur? Was ist GUTE Literatur? Wer darf eigentlich wirklich entscheiden, was als GUT oder SCHLECHT angesehen wird?

Bevor das jetzt zu weit führt möchte ich aber eins noch zusammenfassend sagen: Es gibt eine Menge talentierter Menschen dadraußen, die vom Interesse der Mainstream-Akademiker abweichen und deswegen auf Sub-Platformen ausweichen müssen. Aber das heißt noch lange nicht, dass ihre Stimmen nicht gehört werden sollten, und es macht mich zu tiefst glücklich, Teil eines Seminars sein zu dürfen, in dem es völlig okay ist, Längen über einen Post auf Tumblr zu diskutieren, und eine Dozentin zu haben, die beeindruckende akademische Kompetenz zeigt und trotzdem einen Großteil ihrer Freizeit auf Tumblr verbringt und sich darüber freut, dass Neil Gaiman, eine Person die sie zwar bewundert aber noch nie persönlich getroffen hat, sicher zu einer Autogrammstunde in Hamburg gelandet ist.

Sandi out.

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